Die Rebellion der Humanität

Süd-AfrikaAuschlaggebend ist der Faktor Geld, daß Länder wie Indien und Südafrika zur Selbsthilfe greifen und den grössten Konzernen, den Machtgiganten der Pharmaindustrie, die Stirn bieten. Umstände unvorstellbaren Ausmasses für Menschen hat die Ausbreitung von AIDS mit sich gebracht, so dass sich die Verantwortlichen Regierungen der jeweiligengen Länder gezwungen sahen, zur Selbsthilfe zu greifen. Weltweit sind bereits über 20 Millionen Menschen an der Seuche gestorben und alleine auf dem afrikanischen Kontinent sind über 25 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Das Medikament, das AIDS heilt, gibt es noch immer nicht, auch keine Prophylaxe, aber Medikamente, die das Leben verlängern können. Diese wurden von den Forschungsabteilungen der Pharmaindustrie bereits entwickelt und werden ständig verbessert. Natürlich ist dies mit grossem Forschungsaufwand verbunden, der Geld kostet. Dementsprechend teuer sind die Medikamente. Rund 14td Euro soll die Behandlung mit den einschlägigen Medikamenten pro Patient jährlich kosten. Diese Medikamente stören in gemeisamer Verbindung den Lebenszyklus des HI-Virus.

Indien und auch Südafrika gingen zwar zeitlich und inhaltlich abweichende, aber im Grunde doch ähnliche Wege. In Anbetracht der steigenden Not werden „eigene“ Medikamente produziert. Schon seit vielen Jahren hat Indien einen beachtlichen Erfolg mit dem wirtschaftlichen Segment der landeseigenen Pharmaindustrie, schafft somit über eine halbe Million Arbeitsplätze und sichert auch durch weit unter dem westlichen Niveau liegende Arzneimittelpreise die Versorgungsmöglichkeit von Patienten und dies nicht nur im eigenen Land – sehr zum Missfallen der Konzernriesen der Industrienationen.

In Pretoria sah sich die Regierung wegen der Unfinanzierbarkeit ebenso gezwungen zu handeln und setzte sich über internat. „Recht“ hinweg. Verletzung internationaler Abkommen, Patentrecht und Linzenzgebühren sind nur auszugsweise die Angriffspunkte der klagenden Arzneimittelhersteller. Süd-Afrika hatte eigene Gesetze erlassen, die es ermöglichten, dass sogenannte Generika, das sind Arzneimittel, die bereits auf dem Markt befindlichen, als Markenzeichen eingetragenen Präparaten in der Zusammensetzung gleichen und in der Regel billiger angeboten werden, im eigenen Land selbst zu erzeugen oder Parallelimporte zuzulassen. In der Praxis wird ein kopiertes Medikament verwendet. Dies war Anlass für eine Gemeinschaftsklage von über 41 Konzernen, darunter auch ein deutscher – Boehringer Ingelheim.

n-tv und CNN hatten gemeldet, dass mehrere Pharmakonzerne, darunter auch der hier genannte, im Mai 2000 eine Preisreduktion bei ihren Aids-Medikamenten von 85 % angekündigt hatten. Tatsächlich sollen es aber nur Reduktionen von 20 – 50 % sein. Es wird diesen mächtigen Konzernen gar nicht gefallen, dass dieses Thema plötzlich medial so aufbereitet wird, da es ja in einem vollkommenen Gegensatz zu ihren „heilenden“ Inhalten steht. Zumindest trat Boehringer Ingelheim mit seiner Presseerklärung und einem Vorhaben die Flucht nach vorne an:

Ruanda erhält preisreduzierte Medikamente für die HIV-Behandlung und kostenlos VIRAMUNE gegen die Mutter-Kind-Übertragung. Die Hilfsaktion wurde unter anderem von 5 Pharma-Unternehmen,den UN-Organisationen und der Weltbank gemeinsam ins Leben gerufen, bedürftigen Ländern den Zugriff auf Mittel zur Prävention, Versorgung und Behandlung von HIV/Aids-Infektionen wesentlich zu erleichtern.

Dies war der Inhalt der Erklärung vom 12.2.2001 – der Konflikt mit Süd-Afrika wurde bereits 1997 durch die eigenwillige Massnahme der dortigen Regierung eingeleitet. Aber auch jener Punkt, der von der Pressesprecherin von Boehringer Ingelheim, Frau von GORDON, in einem Interview ausgesprochen wurde, nämlich dass nach internationalem Recht, dem sogenannten TRIP-Abkommen, Süd-Afrika im Bezug auf die AIDS-Seuche den nationalen Notstand ausrufen könnte und somit auch gesetzlich gedeckt in der Lage wäre einen Import von Generika vorzunehmen, bestätigt die Rebellion der Humanität. Dieser Weg wurde jedoch bewusst nicht gewählt, sondern der der Eigenbeschaffung. Darin liegt der Schwerpunkt der Gemeinschaftsklage der Pharmaindustrie begründet. Wenn diese Vorgangsweise stillschweigend hingenommen werden würde, wäre die Folgewirkung unabsehbar, da in vielen weiteren Ländern nicht nur Produktionsstätten entstehen würden, sondern auch der Export vorgenommen werden könnte. Damit kämen manche pharmazeutische Schienen komplett zum Erliegen. Wenn dies aber nur in der Absicht verfolgt werden würde, es kostendeckend durchzuführen, dann hat angesichts des grossen Elend diese Rebellion der Humanität ihre Legitimation erhalten. Die Konzerne hätten die Preise längstens auf ein Niveau bringen müssen, um eine flächendeckende Versorgung zu ermöglichen. Unter dem Deckmantel der Forschung wird weit überzogen kalkuliert. Die Profitgier und die Aufrechterhaltung und der weitere Ausbau des Machtkomplexes stellt die Pharmakonzerne jetzt vor diese krasse Situation, wo ihr die moralische Verurteilung sicher ist.

Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Land erhebt und diesen Schritt wagt. Auch von Bedeutung erscheint, dass die gleichen 5 Pharmakonzerne, die an der Klage in Pretoria beteiligt sind, Initiatoren der Accelerating Access Initiative sind und in Kooperation mit UN-Organisationen & Weltbank durch die oben bereits geschilderte „Hilfsaktion“ positive Schlagzeilen erzielen möchten. Wenn die Weltbank mit im Spiel ist, bezahlt sie offensichtlich irgend etwas. Wenn nun eine Aktion läuft, die laut eigener Presseerklärung von Boehringer Ingelheim

… die Zahl der behandelten HIV-Patienten pro Jahr erheblich zu steigern

– so sagt dies auch gleichzeitig aus, dass nicht allen Menschen in Ruanda, die an Aids erkrankt sind, geholfen wird, sondern irgendwer bestimmt, wer Hilfe erhalten wird und wer nicht. Wer zahlt jetzt eigentlich was? Was stellt die Pharmaindustrie denn zur Verfügung? – oder verbilligt es die Medikamente nur und/oder gleicht die Weltbank Kosten aus? Welch bitterer Beigeschmack hat diese Aktion angesichts der Umstände. Beschönigen statt das Elend jedes einzelnen Schicksales als solches zu erkennen – Kosmetik unter Zuhilfenahme von UN-Organisationen und Weltbank.

Dieser Artikel beginnt mit den Worten: „Ausschlaggebend ist der Faktor Geld“ – und es sollte uns beschämen, dass die Entwicklung der Menschheit, die Gesundung von Menschen, nur noch an dem Mass des Geldes gemessen wird. Denn hier macht es auch keinen Unterschied mehr, ob Medikamente für kranke Menschen in Süd-Afrika, oder ob die lebensrettende Operation für einen älteren Menschen, aus Kostengründen durch eine Krankenkassa in Deutschland oder irgendeinem anderen Industrieland abgelehnt wird, weil es sich nicht mehr „rechnet“. Doch was kann man angesichts des Regententums von Geld machen, wenn sich Machtapparate hinter Gesetzen verstecken? Eines ist Gesetz, das andere ist Mensch. Das Gesetz selbst sagt, dass es gebrochen werden kann, wenn es darum geht, Menschen zu retten. Wenn Konzerne durch weit überzogene Medikamentenpreise die Linderung von Krankheiten nicht möglich machen, dann ist nicht nur das Gesetz zu brechen, sondern der Konzern wegen Verstosses gegen die Menschlichkeit anzuklagen und für diese Verurteilung brauchen wir keine Gerichte –

020803

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